„Katholische“ Betrachtung zur „Evangelischen“ Jahreslosung 2026 – „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5)

In der evangelischen Kirche gibt es die schöne Tradition der „Jahreslosung“: Für jedes Jahr wird ein Bibelvers ausgewählt, der in gewisser Weise als Richtschnur für alle Tage des Jahres gelten kann. Für das vor wenigen Wochen begonnene Jahr 2026 lautet der Text: „Siehe, ich mache alles neu“.

Bild: Frühlings-Blick auf die evangelische Tabor-Kirche in Leipzig-Kleinzschocher

Die Zusage Gottes, alles neu zu machen, lesen wir auf den letzten Seiten der Bibel, in der Offenbarung des Johannes (Offb 21,5). Dieses Buch wurde für die frühen Christen als Trost und Ermutigung geschrieben, damit sie ihre Situation annehmen konnten. Die Christen hatten es am Ende des ersten Jahrhunderts nicht leicht: Ihre neugegründeten Gemeinden galten im römischen Reich als unerlaubte Vereinigungen. Deshalb mußten sie stets damit rechnen, benachteiligt oder gar verfolgt zu werden. Unter dem Kaiser Domitian (81-96) fanden tatsächlich schwere Verfolgungen statt, worunter die johanneischen Gemeinden (auf dem Gebiet der heutigen Türkei) besonders litten. Und in dieser harten Zeit trifft sie das Wort: „Siehe, ich mache alles neu.“ Das schenkte ihnen Hoffnung, tapfer in die Zukunft zu schauen, auch wenn jene noch völlig unklar war.

Seither sind fast 2000 Jahre vergangen, und es stellt sich die Frage, ob dieses Wort auch für uns noch von Bedeutung ist.

Wo können wir denn noch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen? Zwei Bereiche sind mir eingefallen, in denen vom Neuwerden die Rede ist.

Denken wir zum einen an die Natur. Noch ist es kalt, und noch ärgern uns winterliche Erschwernisse. Aber in wenigen Wochen (ja, vielleicht schon in einigen Tagen) ersteht alles zu neuem Leben, können wir uns an den Schönheiten des frühlingshaften Werdens erfreuen. In jedem Frühjahr wird alles neu.

Das Zweite: Sicher gab es bei vielen Menschen im Laufe ihres Lebens eine Situation, in der sie dachten, jetzt sei alles zu Ende. Vielleicht haben sie ihr Hab und Gut (oder gar ihre Heimat) verloren; vielleicht wurden sie arbeitslos; vielleicht mußten sie von einem lieben Menschen Abschied nehmen. Wenn sie sich daran erinnern, wird ihnen möglicherweise auch bewusst,, dass das scheinbare Ende nicht das wirkliche Ende, sondern ein Neuanfang war. Da wurde dann das Wort vom Neuwerden Wirklichkeit.

Nun ist unser Leben aber begrenzt durch den Tod. Wer auf das Sterben zugeht, kann – so scheint es – nichts Neues mehr im Leben erhoffen. Ist dem aber notwendigerweise so? Könnte es nicht auch sein, dass der Tod nicht Ende, sondern Beginn eines neuen Lebens ist?

An dieser Stelle endet unsere Erfahrung. Nur im Glauben an die Lebenskraft Gottes können wir über den Tod hinaus Ausschau halten. Wir Christen setzen hier auf die Gestalt des Menschen Jesus von Nazareth, der unschuldig am Kreuz starb, dessen Jünger aber die Erfahrung gemacht haben, dass er nicht im Tod geblieben, sondern im göttlichen Geist bei ihnen ist. Jetzt, in den Wochen der Fastenzeit bereiten wir uns auf dieses Geheimnis (von Tod und Auferstehung Jesu) vor, das wir dann zu Ostern feiern.

Eberhard Thieme