Großstadt Leipzig – „Tacheles“ – auch im Gewandhaus

Vor 100 Jahren, im September 1926, wurde der erste sächsische Landesverband der jüdischen Gemeinden gegründet. Dieses Jubiläum hat den Freistaat Sachsen dazu bewogen, das Jahr 2026 als ein landesweites „Jahr der jüdischen Kultur“ zu begehen. Es steht unter dem Titel „Tacheles“ und beinhaltet Veranstaltungen und Ausstellungen der vielfältigen jüdischen Kultur und Geschichte.

Das Wort „Tacheles“ stammt aus dem Jiddischen und bedeutet so viel wie „Klartext reden“. Wer „Tacheles redet“, setzt sich für freie Meinung und Diskurs auf Augenhöhe ein. In diesem Themenjahr präsentieren jüdische Stimmen persönliche, gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven und regen zum Dialog an.

Bild: Gewandhaus zu Leipzig am abend

Auch das Gewandhausorchester bietet in beiden Saisons unter dem Titel „Tacheles“ eine Reihe hochwertiger Konzerte an.

Jetzt, in den Konzertferien, sei zunächst ein Rückblick auf das erste Halbjahr gestattet. Als herausragend empfand ich das „Große Konzert“ vom 22./23.1.26, welches der israelische Dirigent Omer Meir Wellber leitete. Es erklang der selten aufgeführte musikalische Gottesdienst „Avodath Hakodesh“ für Bariton, Chor und Orchester des schweizerisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch (1880-1959) und zu Beginn die in Leipzig noch nie aufgeführte 1. Sinfonie des deutsch-israelischen Paul Ben-Haim (1897-1984).

Dieser Komponist wurde als Paul Frankenburger in München geboren und mußte Deutschland im Jahre 1933 verlassen. In Israel vollendete er – inzwischen unter dem Namen Ben-Haim – seine erste Sinfonie, die im Januar 1941 uraufgeführt wurde. – Ein vielleicht nicht ganz so hochgebundenes, wohl aber ebenso beeindruckendes Konzert fand am 22.2.26 im Mendelssohn-Saal statt. Das österreichische Multitalent HK Gruber gestaltete einen „Anti-Liederabend“ mit Balladen von Kurt Weill und Hanns Eisler. Seine virtuose Darstellung wurde wesentlich unterstützt durch die einfühlsame Begleitung des Pianisten Kirill Gerstein. – Ja, und schließlich sei noch das Kammerkonzert am 17.5.26 erwähnt, bei welchem das „Quatuor Danel“ Streichquintette von Dmitrij Schostakowitsch, Alfred Schnittke und Mieczyslaw Weinberg bot.

In der kommenden Saison wird das Thema „Tacheles“ fortgesetzt, wobei ich vor allem auf zwei Konzerte hinweisen möchte. Am 22./23.10.26 führt der schon erwähnte HK Gruber im „Großen Konzert“ die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Brecht/Weill auf, und am 29.11.26 gestaltet das Leipziger Grieg-Quartett einen Kammermusikabend mit Werken von Gustav Mahler, W.A. Mozart und Bruno Walter, dessen 150. Geburtstages in diesem Jahr besonders gedacht wird. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass Bruno Walter bereits 1933 seine Anstellung als Gewandhaus-Kapellmeister verlor und emigrieren mußte. – Für beide Konzerte gibt es gewiß noch Karten.

Eberhard Thieme