Konzertante Aufführung der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ im Gewandhaus – unter einem genialen Dirigenten

Als die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) am 9.3.1930 im damaligen „Neuen Theater“ Leipzig uraufgeführt wurde, führte das zu einem der größten Theaterskandale der Weimarer Republik. Als hingegen dieselbe Oper am 22.10.2026 konzertant im Gewandhaus aufgeführt wurde, wollten die Begeisterungsstürme kaum ein Ende nehmen.

 

Bild: Programmheft-Mahagonny-außen

 

Die Zeiten haben sich eben geändert: Das Publikum läßt sich längst nicht mehr provozieren, wenn Brecht biblische Bilder gegen den Strich bürstet oder wenn er der Doppelmoral des Establishments einen Spiegel vorhält.

Überhaupt scheint der Operntext nicht sonderlich wichtig genommen zu sein; im Programmheft wurde er jedenfalls nicht abgedruckt (war lediglich über QR-Code erreichbar!). Da die ausgezeichneten Gesangssolisten und die nicht minder großartigen MDR-Chöre den inhaltlichen Fluß aber herüber bringen konnten, war es auch nicht so schlimm, wenn sprachliche Details untergingen.

Entscheidend bleibt die Musik. Zwischen der „Dreigroschenoper“, die 1928 in Berlin uraufgeführt wurde, und der Arbeit an „Mahagonny“ hatte Kurt Weill einen stilistischen Schub vollzogen. Ähnlich wie Igor Strawinski näherte er sich der „Neoklassik“ an, ohne deshalb zu einem Epigonen der klassischen Komponisten zu werden. Vielmehr nahm Weill die Musik früherer Zeiten zum Anlaß, um sie mit modernen Mitteln zu verarbeiten. Entstanden ist so ein Konglomerat an Klängen, das seinesgleichen sucht.
Natürlich braucht eine solch wechselvolle Szenenfolge einen guten Dirigenten, wenn die Einzelteile nicht auseinanderdriften sollen.

 

Bild: Programmheft-Mahagonny-innen

 

Und den gab es im Gewandhaus: Heinz Karl „HK“ Gruber. Erstaunlich, wie er mit seinen 83 Jahren die fast dreistündige Aufführung nicht nur durchgestanden, sondern (unterstützt durch die wie immer glänzenden Musiker des Gewandhausorchesters) auch klar gestaltet hat.

In mehrfacher Hinsicht ist der Österreicher HK Gruber ein Glücksfall für Leipzig. Da er als Komponist, Sänger und Dirigent ganz mit der Musik Kurt Weills verbunden ist, war er schon vor etlichen Jahren Gast beim Kurt-Weill-Fest in Dessau (dem Geburtsort Weills) und dadurch auch im nahegelegenen Leipzig. Ich erinnere mich an Konzerte mit dem MDR-Orchester (2008) und mit dem Gewandhausorchester (2009). Außerdem war er ab 2019 über zwei Spielzeiten hinweg „Gewandhauskomponist“. Bei so einem Multitalent konnte die Aufführung von „Mahagonny“ einfach nur gelingen.

Eberhard Thieme